Was eine Hochalm über Veränderung, Verantwortung und lebendige Systeme zeigt
Ein Blitz kann wie ein einzelnes Ereignis wirken. Doch er entsteht nicht wirklich für sich allein.
Auf einer Hochalm auf fast 2.000 Metern Höhe wurde mir genau das besonders deutlich.
Innerhalb weniger Sekunden veränderte ein Blitzschlag das Leben auf der Alm. Sieben Kälber starben.
Dieser Moment war für mich berührend und betroffen machend. Doch je länger ich dort oben war, desto klarer wurde: Der Blitz war nicht die ganze Geschichte. Es war der Moment, in dem sichtbar wurde, was längst vorab begonnen hatte.
Wasserläufe waren ausgetrocknet. Die Hitze und fehlende Niederschläge hatten das Futter knapp werden lassen. Die Kühe mussten höher steigen, um noch geeignete Weideflächen zu finden. Dadurch veränderten sich Wege, Abläufe und Risiken – für Tier und für Mensch.
Der Bauer würde zudem die Tiere Wochen früher als üblich ins Tal holen müssen wegen der Futterknappheit.
Ein jahrhundertaltes Ritual – das aus Dankbarkeit gelebte „Ankranzeln“ der Tiere mit Blumenkränzen ins Tal zurück – würde ausfallen. Nicht weil Menschen Traditionen nicht mehr wertschätzten. Sondern weil die Realität diesen Sommer eine neue Sprache sprach.
Herausforderungen entstehen nicht für sich allein
Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Zeit:
Wir betrachten Situationen häufig einzeln.
Ein Konflikt.
Eine Überlastung.
Eine schwierige Entscheidung.
Eine Veränderung, die plötzlich notwendig erscheint.
Doch lebendige Systeme funktionieren anders.
Eine Veränderung an einer Stelle wirkt weiter. Sie beeinflusst Beziehungen, Abläufe und Entscheidungen an anderer Stelle.
Oft erkennen wir diese Zusammenhänge erst dann, wenn die Auswirkungen bereits sichtbar geworden sind. So ist eine künftige entscheidende Fähigkeit: nicht nur Probleme zu lösen, sondern zu verstehen, was darunter wirkt.
Was Menschen, die genau hinschauen, erkennen
Auf den ersten Blick wirkt dieses Idyll der Hochalm wie ein Ort, an dem die Zeit langsamer geworden ist.
Alte Hütten, die seit Generationen bestehen.
Kühe und Ziegen auf weitläufigen Hängen, den höchsten Grasbergen Mitteleuropas.
Der Klang von Kuhglocken, das Summen der Insekten, Vogelrufe und der Blick über die Berge.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt:
Diese Landschaft funktioniert nicht, weil alles gleich bleibt.
Sie funktioniert, weil Menschen beobachten, Erfahrungen sammeln und Verantwortung übernehmen. Sie halten sich zurück, wo die Natur schon immer getan hat, greifen dort ein, wo Land-Wirtschaft und Nutzen tragfähig sind.
Die Menschen dort oben, kennen die Zeichen, lesen das Wetter, spüren die Zustände ihrer Tiere und wenn zu viel Unruhe durch „Gäste“ auf die Alm kommt. Nicht aus theoretischem Wissen. Sondern aus jahrzehntelanger Erfahrung.
Am Morgen nach dem Gewitter erzählte mir der Melker von den Kälbern, die vom Blitz getroffen worden waren. Auch für ihn war der Verlust, das plötzliche Sterben schwer zu begreifen.
Doch im Gespräch ging es schnell auch um mehr als diesen einschneidenden Moment.
Ein Nachbarsenner, der seit rund 30 Jahren jeden Sommer auf dieser Hochalm verbringt und den den Reste des Jahres als Lehrer an einer landwirtschaftlichen Schule arbeitet, erzählte, dass er heuer Veränderungen erlebt, die für ihn neu sind: ausgetrocknete Wasserläufe – er bespricht sich das erste Mal mit einer Nachbaralm bzgl. Wassernutzung aus deren Quellen – veränderte Bedingungen; Abläufe, die angepasst werden müssen. Voraussetzungen sind andere geworden.
Auch der Bauer dieser Alm trifft Entscheidungen, die früher nicht notwendig waren. Die Kühe werden heuer bereits wegen nicht ausreichendem Wasser und Futter Mitte August ins Tal gebraucht, da sie nicht wie gewohnt hier oben gehalten werden können. Die Almsaison wäre eigentlich noch nicht zu Ende.
Was über Generationen funktioniert hat, braucht plötzlich eine neue Antwort.
lebendige Systeme brauchen keine Kontrolle – sie brauchen bewusste Wahrnehmung
Diese Erfahrung von der Alm begleitet mich auch in meiner Arbeit mit Menschen, Führungskräften und Organisationen. Wir sind keine Maschinen, sondern lebendige Systeme – mit unseren Beziehungen, Erfahrungen, Erwartungen, Rollen, Werten und unterschiedlichen Perspektiven.
Wenn Veränderungen schwierig werden, liegt die Ursache selten nur bei einem einzelnen Problem. Zumeist wirken viele Faktoren gleichzeitig:
Eine Entscheidung verändert die Zusammenarbeit.
Eine unausgesprochene Erwartung beeinflusst Gespräche.
Eine hohe Belastung verändert die Wahrnehmung.
Ein Muster, das früher hilfreich war, wird plötzlich zur Begrenzung.
Die Natur zeigt uns:
Entwicklung entsteht nicht unter Druck.
Ein Baum wächst nicht schneller, wenn wir an den Ästen ziehen.
Eine Wiese wird nicht ertragreicher, wenn wir ihr immer mehr abverlangen.
Lebendige Systeme entwickeln sich dort, wo die Bedingungen stimmen.
Veränderung braucht manchmal einen klaren Schnitt
Auf der Alm wurde mir noch etwas anderes sehr deutlich:
Nicht jede Veränderung entsteht dadurch, dass etwas Neues dazukommt. Oftmals entsteht Entwicklung dann, wenn wir erkennen, was nicht mehr trägt.
Dass wir genauer hinschauen.
Dass wir Entscheidungen treffen, auch ein klares NEIN aussprechen und danach handeln.
In der Natur gehören Wachstum und Loslassen zusammen.
Es gibt Zeiten des Blühens und der Fülle – aber auch Zeiten des Reifens, Abschließens und Abschneidens. Kein Baum hält jedes alte Blatt fest. Währen 7 Kälber ihr Leben ließen, gebar auf der Hütte die mitgebrachte Katze ihre 5 Jungen. Das Loslassen wird auf dieser Alm als so natürlich spürbar, dazugehörend wie das Entstehen.
Anfang August steht im Jahreskreis traditionell für das Schnitterinnenfest. Ihr Bild der Sichel trägt eine klare Symbolik:
Sie steht nicht nur für das Einholen dessen, was gewachsen ist.
Sie steht auch für den bewussten Schnitt.
Für die Entscheidung, etwas zu beenden, damit Neues entstehen kann.
Diese Symbolik begleitete auch auf der Alm. Es wurde sichtbar, dass Veränderungen manchmal nicht noch mehr Optimierung brauchen. Manchmal brauchten sie eine ehrliche Entscheidung.
Selbstwirksamkeit beginnt mit bewusstem Hinschauen
Auch in persönlichen Entwicklungsprozessen und Organisationen begegnet mir dieses Muster immer wieder.
Menschen halten an Dingen fest, die längst nicht mehr passen:
An Rollen, die zu eng geworden sind.
An Erwartungen, die nicht die eigenen sind.
An Arbeitsweisen, die früher funktioniert haben, heute aber Kraft kosten.
An Zielen, die irgendwann wichtig waren, aber nicht mehr zum eigenen Weg passen.
Nicht immer fehlt eine neue Strategie. Manchmal fehlt der Mut, ehrlich hinzusehen.
Selbstwirksamkeit bedeutet für mich nicht, alles kontrollieren zu können.
Sie beginnt dort, wo wir erkennen:
– Was liegt in meinem Einflussbereich?
– Was darf bleiben?
– Was darf sich verändern?
– Was braucht Aufmerksamkeit, bewusste Wahrnehmung?
– Wovon ist es Zeit, sich zu verabschieden?
Was wir von der Natur wieder lernen dürfen
Diese Tage auf der Alm haben wieder so klar und ohne Schein gezeigt: Wir sind NICHT von den Systemen getrennt, in denen wir leben – WIR SIND TEIL DAVON.
Was wir entscheiden wirkt weiter.
Auf uns selbst.
Auf andere Menschen.
Auf Organisationen.
Auf die Natur, in der wir ebenso immer schon Teil waren.
Die Natur erinnert uns daran: Nachhaltige Entwicklung entsteht nicht durch ständige Beschleunigung.
Sie entsteht durch Wahrnehmung.
Durch Anpassungsfähigkeit (nicht Aufgabe).
Durch Verantwortung.
Vielleicht ist deshalb eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit nicht:
Wie können wir noch mehr schaffen?
sondern
Was braucht es wirklich, damit etwas und wir gemeinsam nachhaltig wachsen können?
Die Frage begleitet mich durch meine Arbeit.
Denn Veränderung beginnt selten mit einer fertigen Lösung. Sie beginnt mit einem besseren Verständnis:
Was wirkt gerade wirklich?
Welche Zusammenhänge wurden bisher nicht gesehen?
Welche Muster halten etwas aufrecht?
Welche Entscheidung ermöglicht den nächsten stimmigen Schritt?
Fragen, für Orientierung und Entwicklung
Vielleicht betrachten Sie eine Situation in Ihrem Leben oder Ihrer Organisation einmal aus dieser Perspektive:
- Was funktioniert nach außen – fühlt sich innerlich aber nicht mehr stimmig an?
- Welche Entwicklung versuchen Sie zu erzwingen, obwohl vielleicht zuerst andere Bedingungen notwendig wären?
- Was darf losgelassen werden, damit wieder Klarheit entstehen kann?
- Welche Entscheidung würde mehr Wirksamkeit ermöglichen?
Für mich bedeutet nachhaltige Entwicklung nicht, ständig etwas verändern zu müssen.
Es bedeutet, bewusster wahrzunehmen, Zusammenhänge zu erkennen und aus dieser Klarheit heraus zu handeln.
Genau dort entsteht Selbstwirksamkeit.
Genau dort entsteht Entwicklung.
Wenn Veränderung mehr braucht als eine schnelle Lösung
In meiner Arbeit begleite ich Menschen, Führungskräfte und Organisationen dabei, Orientierung in komplexen Situationen zu gewinnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und Veränderung bewusst zu gestalten.
Ob persönliche Entwicklung, Mentoring, Führung und Organisationsentwicklung oder Entwicklungsräume mit der Natur als Ressource:
Der Ausgangspunkt ist immer derselbe:
Nicht die schnelle Antwort.
sondern die Frage:
„Was braucht Ihre Situation jetzt wirklich?“
Wenn Sie spüren, dass ein Thema mehr Tiefe braucht als eine schnelle Lösung, freue ich mich auf den Austausch.
In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation und darauf, welcher nächste Schritt sinnvoll sein kann.
Ihr kostenloses Erstgespräch https://sandra-ornig.at/
Ihre Begleitung in Veränderungsphasen je nach Anliegen verschiedene Angebote auf Sie abgestimmt und gestaltbar (Einzelsetting, kurze Zwischenimpulse, online, in Präsenz oder auch als Walk & Talk in der Natur)


